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Scheungraber, Corinna (2010): Die Entwicklung der urindogermanischen Nasalpräsentien im Germanischen. Master of Arts, LMU Munich: Centre for Historical Lingustics, 2
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Abstract

In der vorliegenden Magisterarbeit wird die historische Entwicklung der urindogermanischen Nasalpräsentien im germanischen Sprachzweig untersucht. Durch den Vergleich der Nasalverben der germanischen Einzelsprachen miteinander wird die urgermanische Situation erschlossen und, wo möglich, mit Vergleichbarem aus den verwandten idg. Sprachen verglichen. Es werden sowohl Nasalinfixverben von Typ urg. *drinkan- als auch verschiedene Typen von Nasalsuffixverben (z.B. got. fullnan) besprochen. Im Materialteil wird anhand ausgewählter Beispiele auf phonologische, morphophonologische und morphologische Besonderheiten sowie etymologische Anschlüsse eingegangen, z.B. auf Wurzel- bzw. Suffix-Ablautstufe (o-Stufe in urg. *gangan-, Schwundstufe in afr. gunga), s mobile - Charakter (urg. *skrindan- neben urg. *hrindan-), VERNER-Varianten (got. fraihnan vs. an. fregna), Wurzelauslautvarianten (ae. cringan ~ crincan, ahd. henken ~ ha-han, hange-n), Derivationsgeschichte (urg. *standan-) usw. Auch in den Verben auf geminierten Resonanten, bei denen rein theoretisch ein assimiliertes Nasalaffix vorliegen kann, ist ein eigenes Kapitel gewidmet; darin werden u.a. die germanischen Präteritopräsentien *kann- ~ *kunn- sowie *ann- ~ *unn- pace BAMMESBERGER auf umgebildete Nasalbildungen zurückgeführt. Das zentrale Kapitel der Arbeit bilden aber die Ausführungen über die germanischen Nasalsuffixpräsentien, die aufgrund ihrer beträchtlichen Anzahl in den germanischen Einzelsprachen für eine gewisse Zeit produktiv gewesen sein müssen. Bei einer Untergruppe der Nasalsuffixverben ist die Anwesenheit des Nasalmorphems nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen. Die Rede ist von den oft als "Intensiv-Iterativa" bezeichneten Verben mit Doppeltenuis im Wurzelauslaut, z.B. ahd. zocko-n (abgeleitet vom stv. ziohan), die hier als KLUGE-Verben bezeichnet werden. In diesen Geminaten steckt historisch gesehen das Suffix urg. *-no-?- < uridg. *-neh2,3-, dessen Nasal sich an den urg. vorausgehenden stimmhaften Verschlusslaut assimiliert hat (KLUGE’s Gesetz), bevor der letzte Akt der Urgermanischen Lautverschiebung (Mediae > Tenues) eintrat. Zwar wird KLUGE’s Lautgesetz nach wie vor nicht allgemein als solches akzeptiert, doch wird in dieser Arbeit eine plausible Erklärung für alle potentiellen Gegenbeispiele aus dem Bereich der Verben (got. fraihnan, an. vakna, ae. brosnian) gegegen. Als das Lautgesetz in urg. Zeit stattfand, herrschte im Bereich der Nasalsuffixverben eine Allomorphie zwischen starken (Ind.Sg.Präs.Akt.) und schwachen Stamm (Rest). Dies wird wahrscheinlich gemacht durch exakte Parallelen bei den germanischen Nasalsuffixverben auf Resonant (as. morno-n ~ ae. murnan) bzw. Langvokal/Diphthong (ahd. gino-n, gine-n ~ ae. gi-nan). Auch hier wurde in den Einzelsprachen bald zugunsten der starken, bald zugunsten der schwachen Suffixalternante ausgeglichen. So waren also entsprechend bei den KLUGE-Verben nur im starken Suffixallomorph *-no-?- alle Bedingungen für KLUGE’s Gesetz erfüllt (unsilbischer Nasal unmittelbar vor dem Akzent), was zu den KLUGE-Verben mit Doppeltenuis wie ahd. zocko-n < urg. *tugno-?n- führte. Im schwachen Stamm dagegen war wegen Schwundstufe des Nasalmorphems (vorurg. *-nH-) der Nasal für eine Weile silbisch (aufgrund eines später geschwundenen Laryngalhiats) und blieb daher unassimiliert, zumal auch der Akzent eine Position weiter rechts, d.h. auf der Endung, stand. Die Annahme dieser urg. Allomorphie erlaubt es also, durch das teilweise blockierte Operieren von KLUGE’s Gesetz im Präsensstamm der urg. Nasalsuffixverben die na-Inchoativa des Gotischen (fullnan, -waknan) und Nordgermanischen (an. sortna, vakna) zusammen mit den "KLUGE-Verben" des Nord- (an. ruppa) und Westgermanischen (ahd. ropfo-n, ae. liccian, as. likko-n) auf eine gemeinsame Quelle zurückzuführen, nämlich eine urg. Nasalsuffixbildung auf *-no-- ~ *-n-. Dieses Nasalsuffix wurde mit großer Wahrscheinlichkeit aus uridg. *-ne-h2,3- ~ *-nh2,3-, also aus grundsprachlichen Nasalinfixpräsentien zu set-Wurzeln (= ai. 9. Präsensklasse), reanalysiert und gelangte dann als Suffix zu großer Produktivität. Im theoretischen Teil der Arbeit wird nach einer kritischen Stellungnahme zu alternativen Theorien (z.B. die Expressivitätstheorie sowie die Theorie GORBACHOVS, die thematischen Nasalsuffixpräsentien (des Gotischen z.B.) gingen auf eine uridg. mediale *h2e-Bildung im Sinne von JASANOFF zurück) auch einiges über die heute recht verbreitete Substrattheorie gesagt. Die ursprüngliche Semantik der Nasalsuffixverben des Germanischen wird schließlich nach dem Refererieren älterer Lehrmeinungen pace HASPELMATH als "antikausativ" angesetzt. Im Schlusskapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst. Ein tentativer Vergleich mit Nasalaffixbildungen in anderen idg. Sprachen zeigt schließlich, wie umfassend die Umstrukturierungen im Bereich des germanischen Verbalsystems gewesen sein müssen. Im Anhang sind alle gesammelten Nasalverben (Infix-, Suffixbildungen und KLUGE-Verben) – auch diejenigen, für deren detaillierte Besprechung im Hauptteil der Arbeit kein Raum geblieben war – in tabellarischer Form aufgelistet, so dass sich jeder interessierte Leser selbst ein Bild vom germanischen Befund der Verben mit Nasalmorphem machen kann.