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Dohrn, Daniel (2011): Erkennen und Handeln. Descartes' Ideal eines rationalen Willens. Professorial Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München
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Abstract

Ziel der Untersuchung ist es, Descartes´ umfassendes Ideal menschlicher Rationalität zu rekonstruieren. In diesem Ideal spielen das richtige Erkenntnisverhalten und der methodische Erwerb von naturwissenschaftlichem Wissen eine entscheidende Rolle, die in der Forschung umfassend gewürdigt wurde. Aufgrund dieser herausragenden Stellung erkenntnistheoretischer Fragen sowohl in Descartes´ Denken als auch in der Forschungsdiskussion setzt die Untersuchung mit der Frage nach der Motivation von Descartes´ radikaler Erkenntniskritik ein. Aber ebenso wichtig für Descartes´ Begriff eines rationalen Willens sind Descartes´ rudimentäre Ethik und seine Auffassung geistiger Aktivität in ihrem Zusammenhang mit praktischem und theoretischem Wissen einerseits und einem körperlichen Geschehen andererseits, aus der sich seine Sicht menschlichen Handelns ergibt. Letztere haben sehr viel weniger Aufmerksamkeit in der Forschung gefunden. Im ersten Hauptteil wird eine praktische Sicht des Erkenntniserwerbs entwickelt. Erkenntnisinterne oder –externe praktische Motive und Ziele der Erkenntnis werden diskutiert. Diese Motive und Ziele bestimmen die Erkenntniskritik. An ihnen bemessen sich die Standards, denen Wissensansprüche genügen müssen. Allerdings ist zu differenzieren, wie sich diese Ziele und Motive der Erkenntnis vor und nach dem Vollzug der Erkenntniskritik darstellen. Daher müssen die Möglichkeiten und Schwierigkeiten erwogen werden, die Erkenntniskritik aus einer unaufgeklärten Weltsicht heraus zu motivieren. Die aufzuweisenden Ziele und Motive führen ebenfalls zu Interpretationsproblemen. So ist das innerepistemische Ziel, unabhängig vom Erkennenden wahre Überzeugungen zu gewinnen und falsche streng zu vermeiden, nicht ohne weiteres mit der Durchführung der Erkenntniskritik und Descartes´ Kommentaren zu den resultierenden Zirkelproblemen zu vereinbaren. Es wirft auch allgemeine erkenntnistheoretische Fragen auf, inwieweit es aus dem Gedanken einer Erkenntnis als solcher folgt. Auch die eigentlich naheliegenden erkenntnisexternen praktischen Ziele und Motive müssen genauer untersucht werden, sowohl, was Descartes´ Beschränkung der Sinnesideen auf ihre pragmatische Rolle im Handeln, als auch, was den erkenntnistheoretischen Status der zu erreichenden praktischen Gewißheit angeht. Die Frage nach der cartesischen Ethik wird virulent, wenn es darum geht, Ziele und Motive der Erkenntnis in eine allgemeine Zielstruktur des Menschen einzubetten. Im zweiten Hauptteil werden die Grundlagen der cartesischen Ethik und Handlungstheorie nachvollzogen. In der Ethik wird eine grundlegende Spannung in Descartes´ Theorie des höchsten Guts aufgedeckt, die mit einer Ambiguität in Descartes metaphysischer Anthropologie in Verbindung steht. Einer integrativen Vorstellung des höchsten Guts als Inbegriff natürlicher Vollkommenheiten steht seine Gleichsetzung mit dem gegenüber, was man sicher erreichen kann. Die erste läßt sich auf den Menschen als Einheit von Geist und Körper beziehen, die zweite auf den autarken Geist, mit dem der Denker der Meditationen sein eigenes Wesen identifiziert. Diese metaphysischen Voraussetzungen prägen Descartes´ Handlungstheorie, wonach zielgerichtetes Handeln, auch die Erkenntnisaktivität, in einen geistigen Grundbestandteil, den Willensakt, und seine Konsequenzen zerfällt. Die Funktionen solcher Willensakte im äußeren Handeln, Urteilen und dem Ausrichten der Aufmerksamkeit werden diskutiert. Vor allem die letztere wirft das Problem auf, welche Vorgaben dieses Ausrichten der Aufmerksamkeit anleiten können, wenn man diese dazu schon auf jene Vorgaben richten muß. Im dritten Hauptteil wird auf dieser Grundlage das Ideal eines rationalen Willens entwickelt. Dieses Ideal ist erstens ein theoretisches. Willentliches Urteilen soll an den Standards ausgerichtet werden, die im ersten Hauptteil entwickelt wurden. Freilich lassen diese Standards, die sich darauf beziehen, wie auf gegebene Ideen zu reagieren sei, verschiedene Determinanten einer rationalen Erkenntnistätigkeit offen, insbesondere, was die Suche nach Erkenntnissen angeht. Wie schon die Problematik des Richtens der Aufmerksamkeit deutet auch diese Unbestimmtheit dahin, daß das Ideal des rationalen Willens zu sehr vereinfacht ist, um eine angemessene Norm geistiger Aktivität zu bieten. Zweitens ist dieses Ideal ein praktisches. Es wird gezeigt, daß Descartes eine internalistische Theorie der Handlungsmotivation durch Wissen vertritt, wonach eine natürliche willentliche Disposition besteht, gemäß praktischen Einsichten nicht nur zu urteilen, sondern auch zu handeln. Im vierten Hauptteil über die Grenzen des rationalen Willens wird dieses Ideal einer willentlichen Disposition, im Erkennen und Handeln konsequent hinreichend zuverlässigen Einsichten zu folgen, wie es Descartes entwirft, durch gegenläufige Äußerungen ergänzt, die seine Grenzen aufzeigen, aber auch ein differenzierteres Bild menschlicher Rationalität ermöglichen. Diese Äußerungen kreisen um zwei Problemfelder: Das erste ist das Problem einer Wahlfreiheit, die beinhaltet, sich selbst gegen klare und deutliche Einsichten zu stellen. Sie bedroht den geordneten Erkenntniserwerb, hat aber vielleicht sogar eine Funktion in diesem Erkenntniserwerb, wenn es um die richtige Erkenntnistätigkeit geht, darum, sich den richtigen Gedankenfolgen zuzuwenden und eventuell falsche zu suspendieren. Das zweite Problemfeld betrifft das äußere Handeln und die Einflüsse des Körpers auf den Geist. Es wird in einer Rekonstruktion von Descartes’ Theorie der Emotionen untersucht. Es soll gezeigt werden, wie Descartes versucht, eine eigentümliche Funktion der Emotionen in der menschlichen Rationalität mit der Notwendigkeit ihrer Steuerung zu vereinbaren. Ein Hauptproblem dabei ist, einerseits zu vermeiden, daß Emotionen durch praktisches Überlegen ersetzbar und damit überflüssig oder mit einem praktischen Überlegen gleichgesetzt werden, also die Eigentümlichkeit ihrer Funktion als geistige Repräsentationen zu erfassen, andererseits die Möglichkeit zu erhalten, sie an einem solchen Überlegen zu messen. Am Ende wird eine zusammenfassende Diskussion geführt, wie es dazu kommen kann, daß der Mensch trotz seiner natürlichen willentlichen Disposition fehlgeht, das Richtige zu erkennen und ihm gemäß zu handeln.