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Schmidt, Josef M. (9. Juli 2010): Medizintheoretische und wissenschaftshistorische Perspektiven einer Revision der Materia medica homoeopathica. In: Schweizerische Zeitschrift für Ganzheitsmedizin / Swiss Journal of Integrative Medicine, Vol. 22, Nr. 4: S. 232-238
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Abstract

In der Homöopathie ist das, was an Patienten und Arzneimittelprüfern beobachtet wird, nicht trivial. Symptome sind hier keine Messwerte, sondern ihre Wahrnehmung, Aufzeichnung und praktische Verwertung sind abhängig von der jeweils zugrunde gelegten (homöopathischen) Theorie. Eine Revision der Materia medica homoeopathica braucht daher vordringlich eine Verständigung über eine tragfähige und konsensfähige kritische Theorie der Homöopathie. Als Grundlinien bzw. Elemente einer solchen werden unter anderem vorgeschlagen: disziplinäres Selbstverständnis als praktische Wissenschaft sui generis, medizinhistorisches Bewusstsein der Einbettung in sozioökonomische, politische und kulturelle Rahmenbedingungen, medizintheoretische Einschätzung des Stellenwertes naturwissenschaftlich-statistischer Methoden, philosophische Bewertung der traditionellen metaphysischen Dogmen und wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit den modernen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Die zentrale Argumentation stellt – angelehnt an Nietzsches genealogische Wissenschaftskritik – unkritischen Wissenschaftsoptimismus infrage und plädiert für eine Höherstufung des Status des (Heil-)Künstlers, der immerhin in jedem Einzelfall aufs Neue zu beurteilen hat, wann, wo und unter welchen Umständen welche wissenschaftliche Methode einzusetzen sei. Unter Verabschiedung dogmatischer Wahrheitsbegriffe und Bekräftigung des instrumentellen Charakters homöopathischer Theorien könnte die Homöopathie die Herausforderungen der Postmoderne meistern – als semiotisches Kombinationssystem, mit dem Primat der Heilkunst über dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.