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Friedl, Sophie (15. März 2014): Der Handlungsspielraum der jüdischen Gemeindeleitung in Tunis 1942-43. Magisterarbeit, Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften, Ludwig-Maximilians-Universität München.
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Abstract

Die Juden Tunesiens machten eine Erfahrung, die in Nordafrika eine Ausnahme darstellte: Sie waren 1942-43 während der sechsmonatigen deutsch-italienischen Besatzung des Landes unmittelbar mit nationalsozialistischen Behörden konfrontiert. In Tunesien verdichteten sich konkurrierende Machtansprüche und Interessen: des Beys, der französischen Kolonialmacht, der aufstrebenden tunesischen Nationalisten, Italiens – und auch innerhalb des deutschen Lagers sind Differenzen zwischen SS und Wehrmacht festzustellen. Auf deutscher Seite dominierten nicht die Vernichtungsbestrebungen des in Tunis stationierten SS-Einsatzkommandos, sondern pragmatische Überlegungen der Wehrmacht gestalteten die Judenpolitik maßgeblich. Die spezifischen politischen und militärischen Gegebenheiten eröffneten den Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde in Tunis Möglichkeiten, zur Rettung der ihnen anvertrauten Menschen und ihrer selbst beizutragen. Das Handeln der jüdischen Funktionäre oszillierte zwischen Anpassung und Kooperation, einerseits, und Verweigerung und heimlichem Widerstand, andererseits. In der Hoffnung auf eine baldige Befreiung durch die Alliierten passte sich die Gemeindeleitung an und erfüllte die deutschen Forderungen: Sie zwang jüdische Männer, unter Lebensgefahr für die Besatzer zu arbeiten und organisierte die Enteignung jüdischen Eigentums. Gleichzeitig versuchten die Gemeinderepräsentanten, durch Ineffizienz, durch Verhandlungen und durch Bestechung einschneidende Maßnahmen abzumildern. Sie setzten dem nationalsozialistischen Überlegenheitsdiskurs demonstratives role-taking refusal (G. R. Musolf) entgegen und beharrten auf ihrer Würde. Tatsächlich konnten sie bemerkenswerte Erfolge gegen die antisemitische Verfolgung erzielen: die Zwangsarbeiterrekrutierung verschleppen, Vergewaltigungen jüdischer Frauen durch die Soldaten der Besatzungsmächte verringern, jüdische Geiseln befreien und teilweise die (Über-)Lebensbedingungen internierter Zwangsarbeiter verbessern. Aus dieser Doppelstrategie entsprangen unüberwindbare moralische Dilemmata und tiefe innerjüdische Konflikte. Die jüdischen Funktionäre stritten sich erbittert über die Frage, wie mit Männern umzugehen sei, die sich der Zwangsarbeit entzogen, und inwieweit man dabei zu Gewalt greifen dürfe. Zugleich mussten sie sich mit Vorwürfen der Korruption, des Egoismus und der Kollaboration auseinandersetzen. Diese Dynamik erinnert an die Entwicklungen in europäischen jüdischen Gemeinden und Ghettos. Der Gemeindeleitung kam, entgegen ihrem Willen, eine für Judenräte charakteristische mehrdeutige soziale Rolle zu, auch wenn sie ihre Legitimität aus einer partiellen Kontinuität zu demokratischen Vorgängergremien bezog und kein typisches Beispiel einer headship-Organisation (D. Michman) darstellte. Die vorliegende Arbeit nimmt theoretische Anleihen beim Symbolischen Interaktionismus nach H. Blumer und G. R. Musolf sowie bei J. Sémelins Klassifizierung widerständigen Verhaltens gegenüber der Besatzungsmacht. Sie wendet die Typologie der Organisationsstruktur von Judenräten von D. Michman an und basiert auf umfangreichem Quellenmaterial, das tunesisch-jüdische, deutsche, französische, italienische und beylikalische Perspektiven einschließt.