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Reinhardt, Thomas (2017): Eine Ethnologin im Panthéon. Das außergewöhnliche Leben der Germaine Tillion (1907-2008) ; eine biblio-biographische Skizze. Studien aus dem Münchner Institut für Ethnologie / Working Papers in Social and Cultural Anthropology, Vol. 24. München: Institut für Ethnologie, LMU München.
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Abstract

Die biblio-biographische Skizze stellt eine der interessantesten und faszinierendsten Gestalten der französischen Ethnologie des 20. Jahrhunderts einem deutschsprachigen Publikum vor. Germaine Tillion (1907-2008) – seit zwei Jahren als einzige Ethnologin ins Pariser Panthéon aufgenommen – hat in den 1930er Jahren bei Marcel Mauss Ethnologie studiert und fast sechs Jahre Feldforschung im algerischen Aurès betrieben. Kurz nach Ausbruch des 2. Weltkriegs kehrt sie nach Frankreich zurück und wird eines der Gründungsmitglieder der Résistance-Zelle am Musée de l’Homme. 1942 wird sie verhaftet und ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Dort dokumentiert sie Leid und Verbrechen mit ethnographischer Akribie und veröffentlicht nur wenige Monate nach ihrer Befreiung und dem Ende des Krieges die erste (und einzige) „ethnographische“ Innensicht eines KZ. Nach gut anderthalb Jahrzehnten überwiegend politischer Arbeit kehrt sie in den 1960er Jahren in die Ethnologie zurück und versucht, an ihre Forschung aus den 30er Jahren wieder anzuknüpfen. Am Ende dieser Bemühungen steht der Entwurf einer von endogamen Praktiken bestimmten zirkum-mediterranen Kultur, der angesichts des häufig behaupteten „Clashs“ von abendländischer und islamischer Kultur von erstaunlicher Aktualität ist und eine bedenkenswerte Alternative zu den essentialisierenden Positionen weiter Teile des öffentlichen Diskurses bereitstellt. Mit dem Hauptwerk dieser neuen ethnographischen Phase begibt sich Tillion jedoch in direkten Konflikt zum Strukturalismus Claude Lévi-Strauss' und seinen Thesen aus den Elementaren Strukturen der Verwandtschaft. Die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts sind dafür in Frankreich kein guter Zeitpunkt. Das Werk wird von der Fachöffentlichkeit weitgehend ignoriert. Ebenso wie spätere Arbeiten Tillions, die zwar einer breiten Öffentlichkeit eine wichtige ethnologische Stimme war, in ihrer eigenen Disziplin jedoch praktisch nicht zur Kenntnis genommen wurde. Dessen ungeachtet publiziert Tillion auch im hohen Alter noch mehrere Monographien und nimmt darin eine ganze Reihe von Debatten vorweg, die die angelsächsische und deutschsprachige Ethnologie um die Wende zum 21. Jahrhundert beschäftigen werden. Der Essay spürt der Entwicklung von Tillions Schreiben im Kontext ihres Biographie nach und diskutiert mögliche Gründe für die weitverbreitete Unkenntnis ihres Werkes durch weite Teile unserer Disziplin.